Release Date: 

3 Sept 2016, USA (LBI Film Festival) 

Running Time: 16 min

Language: German

Subtitles: English, French

Starring: Katarina Strahinic (full cast on imdb)

Writer & Director: Karoline Vielemeyer

Cinematography: Julian M. Grünthal

Hair & Makeup: Sonia Slansky

Costumes: Marcus Schwenzel

Editor: Karoline Vielemeyer

Musik: Stefan Schmidt

Sound Design: Andreas Vorwerk

 

This film was made in association with

Prague Film School and Filmfabrik Weimar.

 

FESTIVALS & AWARDS

Short Film Corner, Festival de Cannes 2017


Winner: Best Student FilmLong Beach Indie International (LBI) Film Festival Los Angeles 2016


Finalist: Narrative ShortBLOW-UP International Arthouse Film Fest Chicago 2016


Semi-Finalist: Short DramaHollywood Screenings Film Festival Los Angeles 2016 


Official SelectionSilicon Beach Film Festival
Los Angeles 2017 


Official SelectionDays of German and Russian Short Films "Vkratze"! Volgograd 2017

Über Großstadtfieber

Der Slogan „Kleider machen Leute“ hat sich selten als kluger Vorsatz erwiesen, auch nicht, wenn es sich bei „den Kleidern“ um Pariser Haute Couture handelt. Angelegt als Rotlicht-Porträt berührt GROßSTADTFIEBER kurioserweise auf einer persönlichen Ebene. Valisia hält zu Beginn einen Flyer in der Hand. Kritisch beäugt sie das Blatt, auf welchem in schwarzen Lettern der Text „Großstadtfieber Sonderausstellung Otto Dix Museum Berlin“ prangt. Das Bild zeigt einen Haufen feierwütiger Personen. Sie alle befinden sich in einer Art Tanzbar, tragen Masken, musizieren und laben sich in ihrem luxuriösen Dasein. Mit Leichtigkeit gelingt es Valisia, sich in den Saal, in eine Welt des grenzenlosen Konsums, zu denken. Dass von dieser Leichtigkeit mehr Leichtsinn als alles Andere übrigbleiben wird, ahnt sie zunächst nicht.

 

Alice im Wunderland ohne Wunder

 

Mit dem Blick auf ein Otto Dix-Gemälde schildert GROßSTADTFIEBER eine kurze Novelle über das Prager Straßenmädchen Valisia. Das rustikale Tagesgeschäft bekommt der jungen Dame dabei so schlecht, wie den Prager Snobs Valisias ärmlicher Anblick. In den dunklen Gassen trifft Valisia auf einen trunkenen Kriegs-Veteranen, welchem sie im Tausch gegen einen französischen Designer-Fummel ihre „Dienste“ anbietet. So wundersam sich ihr damit die Türen zur oberen Schicht öffnen, so rasch gerät sie in einen Zwiespalt mit der eigenen Identität. Angekommen in besagter Tanzbar, gibt sie sich als wohlhabende Designerin aus und steht nach einem kurzen Party-Rausch einem Eklat gegenüber. Wie im Zeitraffer verrinnt in GROßSTADTFIEBER das Geschehen. Die collagen-artigen Bilder werden beschleunigt, während die Meute sich dem Rausch von Alkohol, Körpern und Klängen zuwendet. Karoline gelingt es, das Gefühl von mangelnder Demut und mangelndem Respekt so zu transportieren, dass der Zuschauer sich selbst unbehaglich vorkommt. Dabei steht es diesem offen, ob er sich in die Figur der Oberschicht oder in Valisia widerspiegeln möchte. Auf der Feier findet sich die Hauptfigur zwischen torkelnden Anzugsträgern und deren beschwipsten Gattinnen wieder. Im Hintergrund singt und swingt die Jazz-Band dabei vergnügt vor sich hin, während die High Society stark stereotypisiert ins Groteske abdriftet. Ein Publikum, welches zum Einen durch große Namen leicht zu beeindrucken ist und sich zum Anderen in seiner oberflächlichen Attitude kaum überbieten lässt. In diesem Tumult nimmt die Kamera immer wieder den Blickwinkel von Valisia ein, so dass die Figuren den direkten Kontakt zum Zuschauer-Auge suchen. Getunkt in ein schimmerndes Rot-Licht scheint die Szenerie lauthals zu rufen: „Willkommen am Ort des Milieus der sündigen Exzesse, der Unvernünftigen und Verruchten.“

 

Den Filmfiguren auf den Fersen

 

Dabei wirkt die Machart des Films so gar nicht verrucht. Hier entsteht vor allem eine filmische Nähe, wechselwirkend von Schauspieler hin zur Figur und wieder zurück. Das hat etwas sehr Intimes, fast schon Magisches, wenn die Schauspieler Mimik und Gestik nicht „zur Schau“ stellen, sondern ihren gegenwärtigen Moment zelebrieren. Karoline lädt den Zuschauer in ihren kleinen Kosmos des Theaterhaften ein und zeichnet nebenher ein tristes Gesellschaftsbild. In diesem Bild gelingt primär die Darstellung der Schichten. Die Figur der Valisia wirkt unbeholfen und wenig ordinär, bis sie zum Alkohol greift. Dann erntet sie Spott und Hohn von der Prager Aristokratie. Diese scheint aus ihrem eigenen rüpelhaften Verhalten keinen Hehl zu machen, solange das prunkvolle Image aufrechterhalten wird. Um eben diese Doppelmoral, in welche das Mädchen eingebunden wird, beobachten zu können, wird die Kamera mal als Verfolger von Valisia und mal als Valisia selbst inszeniert. Dabei betrachtet selbige nicht nur das Gemälde, sondern taucht zwischen den Pinselstrichen ein und projiziert sich in eine scheinbar vergangene Epoche. Hier scheint der Gestus des Musterns und des Beäugens eine elementare Rolle zu spielen, denn kritische und missbilligende Blicke werden ständig ausgetauscht. So entsteht ein Cluster aus warmen und kalten Emotionen, das mit dem Austreten aus Dix‘ Pinselei wieder aufgelöst wird.

 

Karikativer Albtraum mit Wahrheitsgehalt

 

Der Plot verläuft fast immer spielerisch. Eins führt zum Anderen und treibt die Protagonisten hin zur Erkenntnis ihres bitteren Schicksals. Wie sagt man so zynisch: „You can get the gangster out of the ghetto but not the ghetto out of the gangster“. Auf die Frage hin, ob selbiges Credo sich auch auf die Klasse der Prager Huren übertragen lässt, scheint der Film eine sehr nüchterne Antwort zu finden: Valisia wird in der Welt der Modenarren und Neureichen im wahrsten Sinne des Wortes zum Fehler im Bild. Da die Konkurrenz nicht schläft, vom Beischlaf mit den Freiern abgesehen, muss sie sich wieder dem Straßenleben widmen.

Es lohnt sich, diesen Film mehrfach zu sehen, um auf die versteckten Details zwischen den authentischen Kostümen und Settings zu achten. Ohne viel Kitsch, wirft der Film Realismus und Bildkunst in einen Topf und trennt beide wieder von einander, ohne zu vergessen, in welcher filmischen Zeitlichkeit er sich befindet. Der bittere Beigeschmack entsteht, wenn sich der Zuschauer der Aktualität des Themas bewusst wird.